Anteil von Privatschulen (Schulen in freier Trägerschaft) in Schleswig-Holstein am geringsten
Hohe Anforderungen an Privatschulen
Ratzeburg/Schwarzenbek (ae) - Im Schuljahr 2005/06 gab es laut statistischem Bundesamt deutschlandweit 4.637 private allgemeinbildende und berufliche Schulen. 33 mehr als ein Jahr zuvor und wenn man noch weiter zurück geht, ist seit 1992 ein Zuwachs von 1.405 (+43,5 %) Schulen in freier Trägerschaft – so lautet die Fachbezeichnung - zu verzeichnen. Der Trend steigt weiter. Während jedoch in Sachsen der Anteil der Schüler und Schülerinnen in Privatschulen mit 11,5 Prozent und in Bayern mit 9,5 Prozent am höchsten ist, liegt der Anteil in Schleswig-Holstein nur bei 3,3 Prozent.
Eltern, die sich für eine Privatschule entscheiden, tun das in der Überzeugung, dass ihre Kinder mehr individuelle Betreuung erfahren und dadurch besser und entspannter lernen. Dafür sind sie bereit, ein monatliches Schulgeld von durchschnittlich 150 bis 200 Euro zu zahlen. Neben der Waldorfpädagogik ist auch die Montessori-Pädagogik immer mehr vertreten.
Aber nicht alle Familien haben diese Wahlmöglichkeit, da die Schulen in freier Trägerschaft in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich stark repräsentiert sind. In Schleswig-Holstein gibt es insgesamt 95 Schulen in freier Trägerschaft, wovon allein 49 der dänischen Minderheit angehören und zehn Waldorfschulen darunter sind. Darüber hinaus gab es bisher Schulen kirchlicher Träger und Förderzentren. Erst seit 2006 sind Schulen mit reformpädagogischen Ansätzen vertreten: In Ratzeburg die Montessori-Grundschule, in Kiel die Lernwerft als Ganztagsschule nach dem Konzept des Club of Rome mit dem Schwerpunkt auf bilingualen Unterricht sowie die Leibniz-Schule in Elmshorn mit Grund- und Realschul- sowie Gymnasiumsbetrieb. Ganz neu gibt es seit diesem Jahr in Flensburg die Ostseeschule, eine gebundene Ganztagsschule für die erste bis zehnte Klasse. Auch ihr Konzept enthält Bausteine der Montessori-Pädagogik.
„Das stärkere Interesse an Schulgründungen in freier Trägerschaft ist festzustellen“ bestätigt Claudia Schiffler von der Schulaufsicht im Bildungsministerium des Landes Schleswig-Holstein. Wer eine Schule in freier Trägerschaft im Grundschulbereich gründen wolle, müsse jedoch ein besonderes pädagogisches Interesse nachweisen, wobei bei höheren Jahrgängen die Anforderungen nicht ganz so hoch seien, so Schiffler weiter.
Die Anforderungen sind anspruchsvoll, und gleich nach dem pädagogisch ausgefeilten Konzept steht ein solider Wirtschaftsplan. Die Schulen in freier Trägerschaft müssen sich erst einmal beweisen und sich selbst tragen. Erst nach einer Wartezeit von zwei Jahren nach Aufnahme des Schulbetriebes erhalten die Privatschulen eine Förderung aus öffentlichen Mitteln in Höhe von 80 Prozent der Schülerkostenbeträge. „Warum nicht 100 Prozent?“ fragt sich Andreas Hagenkötter, Mitglied der Geschäftsführung der Montessori-Schule in Ratzeburg. Die Schulen der dänischen Minderheiten bekämen schließlich auch 100 Prozent und würden zusätzlich noch von der dänischen Regierung unterstützt. Diese Schulen können damit auf die Erhebung eines Schulgeldes verzichten. Ein nicht nachzuvollziehendes Ungleichgewicht, das aber nach alten Gesetzen so gilt.
Erschwerend komme hinzu, so Hagenkötter, dass Schleswig-Holstein das einzige Bundesland sei, in dem das Schulgeld für Schulen in freier Trägerschaft auf 150 Euro begrenzt werde. In anderen Ländern liege es eher bei 200 Euro. „Grundsätzlich ist man offen gegenüber neuen pädagogischen Ansätzen, aber die Hauptaufgabe des Bildungswesens ist, dass die öffentlichen Schulen gut funktionieren“, so Schiffler und betont, dass die Verantwortung den Kindern gegenüber das Wichtigste sei und die Anforderungen deshalb dementsprechend hoch.
Situation im Kreis Herzogtum Lauenburg:
Nur mit Initiative der Eltern
Neben der Montessori-Schule in Ratzeburg ist im Kreis Herzogtum Lauenburg zurzeit keine weitere Privatschule in Sicht. „Schulen in freier Trägerschaft entstehen nur durch die Initiative der Eltern“ weiß Andreas Hagenkötter, Montessori-Schule Ratzeburg, aus Erfahrung und betont, dass es nicht einfach sei, aber durchaus machbar. Entsprechenden Initiativen stellt sich der Jurist gerne als Coach mit seinem praktischen Erfahrungsschatz zur Verfügung. Für Schwarzenbek und Mölln gab es bereits eine Voranfrage eines Interessenten, wegen der hohen Anforderungen habe man jedoch erst einmal Abstand genommen, so die offizielle Mitteilung.
„Schwarzenbek investiert zurzeit intensiv in offene Ganztagsschulen, das hat im Moment Priorität“ kommentiert Josefin Francke, SPD-Ortsvorsitzende Schwarzenbek und Mitglied des Schulausschusses. Sie räumt jedoch ein, dass Handlungsbedarf besteht und die staatlichen Schulen im Zuge der Schulreform personell und pädagogisch so gut ausgestattet werden müssen, dass jedes Kind mitkommt und Lehrer motiviert arbeiten können. Das Qualitätsbewusstsein müsse eben auch an staatlichen Schulen stärker Fuß fassen, so Francke weiter. Informationen zu Privatschulen in Schleswig-Holstein gibt es hier:
* Montessori Ratzeburg
* Lernwerft
* Leibniz Privatschule
* Ostseeschule Flensburg
* Bildung ist Zukunft
Montessori-Pädagogik
Das erste Montessori-Kinderhaus wurde bereits 1907 in Rom von Maria Montessori gegründet. Ihr zu Ehren trägt diese Pädagogik ihren Namen. Montessori-Pädagogik wird heute in vielen Kinderhäusern und Schulen und in fast allen Ländern der Erde angeboten. Nach dem Prinzip „Hilf mir, es selbst zu tun“ wird den Kindern Gelegenheit gegeben, dem eigenen Lernbedürfnis zu folgen und Raum für freie Entscheidungen zu haben, selbstständig zu denken und zu handeln. Kernstück der reformpädagogischen Bildung Montessoris ist die Freiarbeit. Die Kinder wählen nach eigener Entscheidung, womit sie sich beschäftigen. Speziell ausgebildete Montessori-Lehrer haben in dieser Phase Zeit, sich mit jedem Einzelnen zu befassen und sorgen so dafür, dass die Kinder sich mit dem im Lehrplan vorgesehenen Stoff beschäftigen. Das Montessori-Material, die kindgerechte Darstellung der Angebote und die gute Beobachtungsgabe des Erziehers helfen dem Kind dabei, sich für ein Angebot zu entscheiden. Dann bestimmt das Kind weitgehend selbst den Arbeitsrhythmus und die Beschäftigungsdauer und auch, ob es allein oder mit einem Partner arbeiten möchte. Diese freie Entscheidung führt zu einer Disziplin, die von innen kommt und nicht vom Erzieher gemacht wird.
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